|
Dr. Philipp Wilhelm Wirtgen
(aus "Frick, Hans: Geschichte der Staatlichen Hildaschule,
Koblenz 1935")
Dieser große rheinische Botaniker und
Naturwissenschaftler, der ehemals Lehrer an unserer "Höheren
ev. Stadtschule zu Koblenz" war, ist bereits der heutigen
Lehrer- und Schülergeneration völlig unbekannt.
Die oben angegebenen längeren Nachrufe zu seinem Tod
und zu seinem 100. Geburtstag, davon einer sogar aus dem
Ausland, beweisen zur Genüge, welche Bedeutung dieser
Mann gehabt hat. Den vielen Nachrichten über Wirtgen,
die wir auf diese Weise besitzen, können wir noch einige
neue aus eigenen Untersuchungen zufügen.
Die Jugend
Geboren in Neuwied am 4. Dez.1806; evang. reformiert; Vater
Jakob Wirthgen(!) "Blechschläger" (=Klempner),
ebenfalls in Neuwied geboren; unbemittelt: Mutter: Justina
Christina Moser aus Weilburg (Lahn); Früh bemerkbare
Hinneigung zur Natur. Der wißbegierige Knabe vermißt
den naturkundlichen Unterricht in der ev. Elementarschule;
ein Apothekergehilfe unterweist ihn in der Pflanzenkunde
und leitet ihn zum Sammeln und Trocknen von Pflanzen an;
Verwendung der Nächte zu naturwissenschaftlichen Studien
wegen Widerstandes der Eltern. Der Vater nimmt den innerlich
widerstrebenden Sohn in seine Lehre. Umstimmung der Eltern
durch den einflußreichen Kirchenrat Meß, der
dem 14-jährigen Knaben (1821) eine Stelle als Hilfslehrer
(Präparand) an der ev. Elementarschule in Neuwied verschafft.
Ausdauernder Fleiß; nach kurzem Besuch des dortigen
Seminars Ablegung der Prüfung als Elementarlehrer mit
"Vorzüglich" im Frühjahr 1824.
Winningen und Remagen
Erhält sofort eine Stelle an der ev. Schule zu Remagen.
80 Taler Jahresgehalt. Benutzung der freien Zeit zu gründlichen
pflanzenkundlichen Ausflügen und wissenschaftlichen
Studien. Dadurch Bekanntschaft mit den Bonner Professoren
Goldfuß (Zoologe, Mineraloge, Geologe) und Nees von
Esenbeck (Botaniker), dem sogenannten speziellen Nees zur
Unterscheidung von seinem Bruder. Reger Briefwechsel mit
Nees und häufige Besuche im Botanischen Garten der
Iniversität Bonn. Versuche dieser Hochschullehrer,
den noch nicht 20-jährigen für Bonn zu gewinnen;
zunächst Beschäftigung am Botanischen Garten angeboten.
Wirtgen selbst Feuer und Flamme für die Gelegenheit,
die "Lücken seiner Bildung ausfüllen"
zu können. Die Eltern, befangen in ihren Anschauungen,
widersetzen sich dem Plan. Deshalb Ende dieses Jahres (1824)
Annahme der 2. Lehrerstelle in Winningen. 160 Taler Jahresgehalt.
Dort siebenjährige berufliche Tätigkeit. Eingehende
Bekanntschaft mit der Pflanzenwelt des unteren Moseltales
in den Mußestunden. Passende belehrende Vorträge
für die Bürgerschaft Winningens im Winzerverein.
Lebensfreundschaft mit dem praktischen Arzt Dr. Arnoldi.
Am 20. Sept. 1831 Eheschließung mit Anna Karolina
Hofbauer aus Winningen, die Wirtgen sein ganzes Leben hindurch
eine verständnisvolle Stütze gewesen ist.
Koblenz
Im Aug. 1831 Berufung als 2. Lehrer an die evang. Elementarschule
zu Koblenz. Wohnung im alten Pfarrhaus (Bild 3), wo ihn
Zeit seines Lebens gelehrte Naturforscher aufsuchen , die
sich von dem genauen Kenner der Gegend die Schönheiten
und naturkundlichen Merkwürdigkeiten zeigen lassen.
1833 erste bedeutungsvolle Veröffentlichung (siehe
das folgende Schriftenverzeichnis). Bisher alles Wissen
des 28-jährigen durch eigene Kraft erworben. Im Nov.
d.J. (1833) Angebot einer Unterstützung zur gründlichen
Hochschulausbildung in Botanik und Mineralogie durch den
preußischen Kultusminister von Altenstein. Antrag
Wirtgens bei ev. Kirchenvorstand, ihn auf ein Jahr zu beurlauben
und seine Stelle offen zu halten. Vorstand wünscht
ihm alles Gute für die Zukunft, muß ihn aber
entlassen statt beurlauben, wenn er das Hochschulstudium
aufnimmt. Diese Entscheidung, so hart sie klingt, eigentlich
selbstverständlich, da bei den früher (in Abschnitt
I) geschilderten Schulverhältnissen die Einstellung
eines jungen Vertreters schwere Schäden für Schule
und Gemeinde mit sich gebracht hätte. Der Urlaub sollte
letzten Endes doch nur dazu dienen, Wirtgen in absehbarer
Zeit der Schule auf immer zu entführen. "Für
einen Schullehrer, selbst für einen an einer höheren
Schule wirkenden", waren seine naturwissenschaftlichen
Kenntnisse nach dem Urteil des Vorstandes "gewiß
mehr als ausreichend". Wirtgen wagt mit Rücksicht
auf die Familie den Schritt nicht, der seine zukünftigen
Lebensverhältnisse ganz zweifellos verbessert hätte.
Darauf Anweisung des Ministers, der nichts anderes für
ihn tun kann, an die Regierung, ihm bald eine seinen Kenntnissen
entsprechende Stellung zu verschaffen. Im Herbst 1835 übernimmt
der Vorstand der ev. Gemeinde Wirtgen mit Genehmigung der
Regierung als den am besten befähigten ("qualifizierten";
siehe Abschnitt Urkunden) Lehrer der Elementarschule an
die neue "Höhere evangelische Stadtschule".
Gehalt 300 Taler (1866 345 Taler) und freie Wohnung. Hier
noch 35-jährige Tätigkeit bis zu seinem plötzlichen
Tod.
Wissenschaftliche Tätigkeit
Neben seinem Unterricht und den vielen Privatstunden, die
seiner schließlich bis auf zehn Köpfe angewachsenen
Familie zur Verbesserung des Lebensstandes dienen mußten,
findet der rastlos tätige Mann vor allem durch
Opferung seiner Ferien- noch Zeit, die botanischen Verhältnisse
des Rheinlandes und die erdgeschichtlichen, versteinerungskundlichen
und mineralienkundlichen Zusammenhänge in der näheren
und weiteren Umgebung zu erforschen, auch der Geschichte
und den Sagen mehrerer Gebiete nachzugehen und eine Menge
seiner Untersuchungen in zahlreichen Aufsätzen und
Schriften, darunter einigen recht umfangreichen, zu veröffentlichen
(siehe Schriften).Erforschung von schwerer für ihn
erreichbaren Gebieten wie der Hocheifel, dem Niederrhein
und der nördlichen Pfalz nur in den Ferien durchgeführt.
Er wird hinsichtlich der "Kenntnis der naturhistorischen
Verhältnisse des Rheinlandes bald als eine der ersten
Autoritäten" angesehen. Seine vielen Arbeiten
über die Flora der preußischen Rheinlande sollten
ihren Abschluß finden in einer umfassenden Flora der
preußischen Rheinlande, einem vierhändigen Werk,
das auch seine Sonderarbeiten über einzelne Pflanzenfamilien
(Rosa=Rose, Rubus=Brombeere, Verbascum=Wollkraut, Mentha=Minze)
aufnehmen sollte. 1. Band davon erscheint 1869; 2. Band
beim Tod Wirtgens (1870) im Druck begriffen. Unter den Büchern
allgemeineren Inhalts: Das Ahrtal; das Nette- und Brohltal
und Laach; Neuwied (Wirtgens Vaterstadt) und seine Umgebung.
Sehr bekannt -bis ins Ausland- machen ihn auch seine bahnbrechenden
und viel gekauften Sammlungen getrockneter Pflanzen (Herbarien),
beispielsweise: die ökonomisch-technischen Pflanzen
Deutschlands, die Forst- und Holzgewächse, die Arzneipflanzen,
die wichtigsten Giftpflanzen, die selteneren und weniger
bekannten Pflanzen der Rheinprovinz diese Sammlung
in Verbindung mit Bach- und (als wichtigste Sammlung) die
rheinischen Minzen und Brombeeren.Zahlreiche, der Naturforschung
dienende Vereinsgründungen durch Wirtgen: 1834: im
Einverständnis mit dem preußischen Kultusminister
des Botanischen Vereins am Mittel- und Niederrhein,
der sich 1841 zu dem allgemeinen "Naturhistorischen
Verein der preußischen Rheinlande und Westfalens"unter
der Leitung des befreundeten Oberberghauptmanns von Dechen
erweitert; Wirtgen hat zeitlebens die Direktion der botanischen
Abteilung (Sektion). Frühjahr 1851: des Naturwissenschaftlichen
Vereins zu Koblenz;Wirtgen führt zeitlebens den Vorsitz;
der Verein stand auch nach seinem Tod lange in Blüte.
1852 auf Antrag Wirtgens: Zusammenschluß der rheinischen
Botaniker, die in Wiesbaden auf der Generalversammlung der
deutschen Naturforscher und Ärzte (Botanische Sektion)
anwesend sind, zu einer Vereinigung, die sich unter Mitleitung
Wirtgens die Aufstellung und Untersuchung von "Floren
nach Flußgebieten"des Rheinlandes zur Aufgabe
stellt. Viele naturwissenschaftliche , landwirtschaftliche
und Winzervereine an Rhein und Mosel gehen auf Wirtgen zurück.Zahlreiche
populär-wissenschaftliche Vorträge (auf den Generalversammlungen
des Naturhistorischen Vereins für Rheinland und Westfalen,
auf denen des Landwirtschaftlichen Vereins für Rheinpreußen
in Bonn usw.). Veranstaltungen von verschiedenen Blumenausstellungen
(auch in Koblenz) zur Förderung der Blumenpflege.
Anerkennungen
Bei solcher unermüdlicher Tätigkeit bleibt die
Anerkennung nicht aus: Ernennung zum Mitglied vieler gelehrten
Gesellschaften: der 1652 gegründeten kaiserlich (deutschen)
Leopold. Karolin. Akademie der Naturforscher (seit 1818
in Halle); sie bezeichnet ihn als "Florae Rhenanae
cultor eximius", d.h. als den hervorragenden Pfleger
der rheinischen Pflanzenwelt; der Botanischen Gesellschaft
in Regensburg; der Schlesischen Gesellschaft für vaterländische
Kultur; der Sociètè royale de Botanique de
Belgique.Verleihung der Ehrendoktorwürde am 18. Januar
1853 durch die philosophische Fakultät der Universität
Bonn auf Antrag der Professoren Treviranus (Botaniker) und
Nöggerath (Mineraloge). Gewährung einer Freikarte
auf allen Strecken der Rheinischen Eisenbahn. Bereitstellung
der Mittel zu zwei Reisen in die Alpen und Norditalien (1844
u. 1851). Außerdem wird ihm je eine Reise in den Schwarzwald
und zur internationalen Gartenbauausstellung in Hamburg
durch die Prinzessin Augusta von Preußen (die spätere
deutsche Kaiserin) vermittelt; ihr hatte er während
ihres Koblenzer Aufenthalts verschiedene pflanzenkundliche
Vorträge gehalten. "Zu seinen vielen Freunden
zählte er die ausgezeichnetsten Gelehrten seiner Zeit,
einen Alexander von Humboldt, Leopold von Buch (Geologe
und Paläontologe.D.B.), de Koninck, Alexander Braun
(Botaniker) u.a.". (Bekanntwerden mit Humboldt auf
dem Mendelssohnschen Landsitz in Horchheim).
Rückblick und Ende
"Mit treuer Liebe hing Wirtgen an seiner Familie".
Als Bürger war er ein Preuße mit jeder Fiber
seines Herzens." Zwei seiner Söhne sieht er 1866
"mit frohem Mut" in den Krieg mit Österreich
ziehen. Sie befinden sich auch wieder 1870 in Frankreich
im Felde, als ein Gehirnschlag am 7. Sept. seinem Leben
ein Ende setzt. Sein Grab auf dem Friedhof von Koblenz (etwa
40 m westlich der Friedhofshalle; vom Hauptweg gut sichtbar,
hat auch der hiesige naturwissenschaftliche Verein mit einem
Gedenkstein versehen lassen. Aus den eingangs genannten
Nachrufen zu seinem Tod: Nach Arnoldi war Wirtgen "einer
der ehrenwertesten rheinischen Naturforscher" Dronke:
"Machten ihn seine großen botanischen Kenntnisse
schon zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten in
den wissenschaftlichen Kreisen der preußischen Rheinprovinz,
so sind seine Erfolge noch weit mehr anzuerkennen, wenn
man den durch so viele Hindernisse gehemmten Gang seiner
Bildung beachtet". Crèpin: Der Name von Philipp
Wirtgen wird mit der Flora des Rheins verbunden bleiben".
"Wenn Wirtgen auch nicht unter den Spitzen (simmitès
D.B.) der Wissenschaft glänzt, so ist nichtsdestoweniger
seine Stellung inmitten der eifrigen (laborieux) und bescheidenen
Arbeiter bedeutungsvoll, die mit Geschick und Scharfblick
die beschreibende Pflanzenkunde gepflegt haben".
|